Rot-Grün in NRW will Wahlalter senken – Symbolpolitik und ihre Gefahren

Am Wochenende hörte ich es im Radio auf der Autobahn, diverse Zeitungen berichten ebenfalls über das Vorhaben der sich gerade bildenden rot-grünen Koalition in NRW: Absenkung des Wahlalters von 18 auf 16 Jahre.

Das Symbol ist klar. Wir nehmen die jungen Menschen ernst und binden sie in das politische Geschehen ein – sie dürfen und sollen partizipieren.

Schule hinkt hinterher

Ich halte es eher für eine Symbolpolitik, wenn diese Senkung nicht mit einer intensiven politischen Bildung einhergeht. Leider ist es so, dass politische Sensibilisierung in der formalen Bildung, sprich in der Schule, ein Orchideenfach ist. Oft gibt es die Fächer (Wirtschaft/Politik, Sozialkunde, Gesellschaftslehre und wie sie alle heißen) nur einstündig und dann auf einem sehr randständigen Platz im Stundenplan. Lehrer/innen, die sich diesen Fächern widmen, kommen leider zu selten dazu, Themen in der Breite und notwendigen Intensität zu besprechen. Mit 16 Jahren sind die Schüler/innen in der Regel in der 10. Jahrgangstufe. Viele politische Grundthemen und damit essentielles politisches Basiswissen ist hier noch nicht geflossen und angeeignet worden.

Für die meisten jungen Menschen ein Quäntchen zu früh

Die Spanne von 16 zu 18 Jahren ist objektiv klein, es sind ja nur zwei Jahre. Diese zwei Jahre machen aber für das politische Verständnis und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen ungemein viel aus. Ich will gar nicht alle in einen Topf schmeißen, denn natürlich gibt es 16jährige, die interessiert und engagiert sind. Dennoch glaube ich, dass es zutreffend ist, dass die breite Masse noch nicht genügend sensibilisiert und reif ist, um bewusst eine Wahlentscheidung zu treffen.

Senkung nur mit massivem Ausbau politischer Bildung

Mit 16 Jahren ist man noch nicht vollständig politisch sozialisiert. Oft herrscht noch so genanntes „Revoluzzerteam“ vor und das ist gut so. Man muss in diesem Alter nicht politisch durchdekliniert sein. Da kann es auch mal idealistisch oder eben auch revolutionär sein. Das ist ein Prozessschritt hin zu einer gefestigten politischen Meinung. In diesem Moment hilft eine Wahlmöglichkeit herzlich wenig, weil die jungen Menschen kein primäres Interesse an dieser Option haben.

Wenn man von politischer Seite aus diese Wahlmöglichkeit aber gerne eröffnen möchte, dann muss man etwas in Richtung politischer Bildung tun – egal ob im schulischen oder außerschulischen Kontext. Junge Menschen brauchen in diesem Alter Wissen und Anleitung, Sensibilisierung und Hilfestellung, um politische Willenbildungsprozesse und Themenstellungen nachvollziehen und internalisieren zu können.

Ich stelle mir nur die ostdeutsche Kommune vor, mit hoher Arbeitslosigkeit und ausgeprägtem NPD-Engagement. Wenn sich dies durch Wahlergebnisse in die Parlamente projiziert, wird der Aufschrei gerade in der Politik groß sein. Wir würden hier eine Büchse der Pandora öffnen, die wir nachträglich gerne nie hätten öffnen wollen.

Die Sozialkunde in der Schule und die außerschulische politische Bildung stehen beiden vor den gleichen Hürden, sie habe keine ernste zu nehmende Lobby. Gelder werden gekürzt, Unterricht kann nicht wirklich nachhaltig gegeben werden, Lehrpläne sehen sie am Rande vor etc.

Wer das Wahlalter für die Jugendlichen in ihrem ureigensten Interesse senken will, muss bei diesen beiden Baustellen ansetzen und viel Geld in die Hand nehmen, um den jungen Menschen die entsprechenden Möglichkeiten zu politische Bildung geben. Alles andere ist Symbolpolitik, die im schlimmsten Falle gefährlich ist.

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