Beckedahl, Domscheit-Berg und die (digitale) Demokratie

Ich hab’s in der Printausgabe “Der Zeit” gelesen, aber natürlich findet sich der Artikel von Markus Beckedahl, in dem der sich über die Nutzung der Kommentarfunktion seiner Leser echauffiert, auch auf auf seinem Blog: “Einfach mal die Kommentare schließen“.

Bloggen in seiner guten Ausprägung…
Das Grundproblem ist, das Beckedahl, wie wahrscheinlich auch viele, viele andere Blogger im Netz, ihr Blog gerne durch produktive, aber auch kritische, dann im Ergebnis doch befruchtenden Kommentaren bereichert sehen möchten. Der Diskurs mit den Leser/innen ist ein zentrales Anliegen, das unverkennbar mit Blogs verbunden ist. In diesem inhaltlichen Dialog liegt ein großer Schatz an neuem Wissen, neuen Perspektiven und Korrektur von Fehleinschätzungen bzw. Hinzufügen von anderen Meinungen. So lässt sich ein Thema konstruktiv weiterentwickeln.

…und die Realität im Netz
Alleine die Realität sieht anders aus, so wie Beckedahl es beschrieben hat, viele Kommentare sind nicht zielführend, dumm und niveaulos. Was ist nun die Konsequenz aus dieser Erkenntnis für die digitale Demokratie? Was bedeutet es z. B. für das Anliegen (vor allen Dingen der Piratenpartei) Partizipationsstrategien ins Netz zu verlagern?

Anke Domscheit-Berg argumentiert in ihrem Artikel “Langer Weg zum Ziel” beim Debattenmagazin “The European” grundsätzlich für eine digitale Bürgerbeteiligung, schränkt sich aber auch ein, wenn sie sagt: “Es muss also gar nicht immer jeder bei allem mitmachen – so lange genug von denen mitmachen, die interessiert und kompetent sind.” Sie glaubt, dass wir uns lediglich am Anfang einer Entwicklung befinden und deshalb investieren müssen.

Demokratie – es müssen nicht alle mitmachen
Die Frage, die sich einem unmittelbar aufdrängt ist, ob Demokratie, egal ob analog oder digital, von allen gleichermaßen aktiv in Anspruch genommen werden muss. Um das klarzustellen, ich würde mich auch immer dafür aussprechen, Demokratie und gesellschaftliche Partizipation zu fördern und zu unterstützen. Gleichwohl sage ich auch, Demokratie und Partizipation ist nicht das Alltagsgeschäft des “normalen Bürgers” und wird es auch auf sehr lange Sicht nicht werden. Politik ist nicht für jeden interessant, viel mehr noch, Politik ist nur für wenige Prozent in unserer Bevölkerung (das gilt für andere Länder gleichermaßen) von Interesse. Das kann man in Nuancen verbessern, aber nicht im Grundsatz ändern. Wie auch, Demokratie eröffnet auch die Freiheit, sich nicht interessieren zu müssen. Das unterscheidet uns von Diktaturen.

Daher ist der Ansatz der Piraten, alles via Internet machen zu wollen bzw. möglichst viel ins Netz zu verlagern, auch die Utopie dieser Bewegung. Viel lässt sich mit dem Netz machen, viel mehr als wir heute tun und uns vorstellen können. Aber unsere Demokratie durch und durch digital zu konstruieren, ist eine fehlgeleitete Zielsetzung, weil sie an der Bürger/innen vorbeidenkt. Es wird ein Zustand als ideal konstatiert, der keine Mehrheiten in der Bevölkerung hat. Siehe dazu das Verhalten vieler User beschrieben durch Beckedahl. Das Internet ist ein Abbild der Gesellschaft, da kommen wir nicht drum herum. Daher sind wichtige Aspekte, vorgetragen in der Süddeutschen Zeitung, nicht von der Hand zu weisen.

Das ist kein Aufruf gegen die Nutzung des Netzes für unsere Demokratie und kein Aufruf gegen die Stärkung von Partizipation und Bürgerbeteiligung. Dennoch muss man sich mit gewissen gesellschaftlichen Grundstrukturen abfinden, es sei denn, man erfindet die Maschine, die Menschen grundsätzlich verändert.

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